ARMENUS

Als da der grosse Tag nach der grossen Eroberungsschlacht kam, und alle sich wieder versammelten, mit einer neuen Vitalität, die heftig durch ihre Adern strömte, und mit der neuen Hoffnung und vielleicht auch der Selbstzufriedenheit darüber, dass sie das, wie man sagt böse Auge bezwungen hatten, da kam ein höchst weiser Mann mir zu Diensten, der in seinem Lande gleichsam zu einem wohlhabenden Kaufmann geworden war. Und ein Gelehrter der damaligen Gesetze des Landes war er, und war gleichsam ein Redner, noch dazu vor dem, was angemessener-weise als eine Art Senat bezeichnet werden kann.
Und der weise Mann, der zu mir kam, erkannte immer deutlich den Patriotismus, mit dem ich mich zu seinem Land und seinem Volk geäussert habe. Und die Wesenheit hiess, mit tiefer Wehmut, den Untergang der grossen Stadt willkommen, aber gewusst hatte er, dass es einmal dazu kommen würde und darüber gesprochen hatte er lange schon vor der Empfängnis des Ram und lange schon, bevor dessen Vater diese überhaupt nur erwartet hätte. Diese Wesenheit also, die ihr betagtes Alter recht würdevoll erlangt hatte, war so etwas wie ein Prophet; und als nun alle sich versammelten, erblickte ich, in der Nähe diese Wesenheit, die abseits von allen anderen dastand und mich unter Augenbrauen hervor studierte, Augenbrauen, die buschig waren und nur schwer die Augen erkennen liessen. Und als er sie über seinen Augen hochzog, sah ich, dass er mich beobachtete. Und wie ich den Mann so betrachtete, ging ich zur Seite und fragte ihn, ob er lieber sterben oder sich mir anschliessen möchte. Und der alte Mann stand einen Augenblick lang da und sann darüber nach, wie töricht ich war, und kam zu mir herüber und zog seine buschigen Augenbrauen hoch, so dass ich seine kleinen Augen sehen konnte, und dann sagte er: Junger Mann, ich muss wohl mit dir gemeinsame Sache machen, denn ich halte es bei dem Stand der Dinge für äusserst verhängnisvoll, mich gegen jemanden zu richten, der so übermässig mächtig ist, wie du. Und ich bin bei weitem nicht der Tor, schon jetzt das Ende meiner Tage sehen zu wollen.
Und während sich die buschigen Augenbrauen wieder über seine Augen senkten, schaute ich ihm ins Gesicht und fragte ihn, ob denn das, was geschehen war und sich zugetragen hatte, seine Zustimmung fände? Nun, er überlegte einen Augenblick. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dem zustimme oder nicht, aber eines kann ich nicht bestreiten, nämlich dass es geschehen ist und zwar mit allen Folgen, die daraus entstanden sind, also muss ich schlussfolgern, dass es wohl so sein sollte. Und als ein Mann, der gerne einen klaren Kopf behält, wäre es schon mein Wunsch, ein Teil von dem zu sein, was erst noch im Entstehen ist.
Nun, hierbei handelt es sich nicht um Zustimmung oder Ablehnung, es handelt sich schlichtweg um den Wunsch, sich mit dem Gewinner zusammenzutun. Ich ging auf den alten Mann zu, und liebte ihn ohne Zögern, und nahm meine schmutzigen Hände und legte sie ihm auf die Schultern, auf seine Tunika, und als ich sie wieder wegnahm, verzog er keine Miene, als er sah, dass seine edle Tunika befleckt worden war - im Gegenteil, ich denke, er mochte mich. Und so sagte der alte Mann zu mir: Wenn du ein klein wenig warten mögest, ich gehe und sehe nach, was von meinem Haus übrig geblieben ist. Ich will nur ein paar wenige Bücher holen, die ich für die Nachwelt gerettet habe, und dann möchte ich mit dir mitkommen. Und obwohl ich sein Heim niedergebrannt hatte, seine Schafe verjagt hatte, er durch mich seine Konkubine verloren hatte, und ich sein Gold verteilt hatte, war er in keinster Weise erzürnt, doch ich wage zu behaupten, dass ich, hätte ich seine Bücher verbrannt, in ihm einen gewaltigen Feind gehabt hätte. Und gleich darauf wandte sich der alte Mann mit grosser Behändigkeit und Statur um und war schnell, in nur einem Augenblick, ausser Sichtweite. Und als ich mich wieder dem zuwandte, was ich zu tun vorhatte, jetzt da ich gewissermassen zu einem Helden für die Armen geworden war, und als wir uns wieder sammelten und das zu entzünden begannen, was man, , Begräbnis-Scheiterhaufen nennt, und als der beissende Geruch vom Wind über den Fluss getragen wurde, da sah ich im Schein des Feuers eine wundervolle, herrliche Wesenheit entschlossenen Schrittes auf mich zukommen. In der Tat, mit so etwas wie einer Tasche, so heisst das wohl, unter seinem Arm, mit einem Umhang, der lose von seinem Haupt herabfiel und mit einer Flasche von seinem edelsten Wein, der es irgendwie gelungen war, sich selbst bei der Herausgabe der Güter zu retten. Und er kam mit mir, öffnete seinen Wein, setzte sich mit mir nieder, sprach einen Trinkspruch auf eine neue Zeit und eine neue Ära; und von jenem Tag an war er für immer mein engster Berater, war er mein engster Ratgeber - er, mehr als alle anderen Wesenheiten, äusserte besonnen seine weisen Ansichten, ohne sich von Emotionen hinreissen zu lassen, und war manchmal auch, ein Vater für mich, den ich nie kannte.
Die Wesenheit lebte, bis zu der Stunde meines zehnten Marschjahres und starb, auf jenem Plateau, wo er mich in langen mühsamen Stunden lehrte, angemessen zu sprechen. Nicht mehr zulassen wollte er, dass ich weiter zu einem unwissenden Menschen werden würde, sondern vielmehr lehrte er mich mit seiner weisen Unterrichtung die Wege der Welt: Regierung, Wissenschaft, Mathematik, und vermittelte mir Philosophie, wie auch wahrscheinlich deshalb, um in mir, dem Heiden, einen Geschmack zu kultivieren - das Verständnis über Kunst und ihre Werte. Als mein Freund von dieser Ebene verschied, tat er es in einer Weise, wie er immer alles tat: in der Weise reinster Würde. Er hatte bei sich, all das, wessen er bei seinem Dahinscheiden bedurfte. Er hatte seine Bücher hergerichtet und hatte sie in guten Zustand versetzt und  gereinigt und an einen passenden Ort gelegt, damit ich sie finden wurde. Begab sich allein, hinaus in die stille Nacht mit einer weiteren Flasche nicht von seinem edelsten Wein, sondern einem, den wir aufbringen konnten, trank auf seine Gesundheit und auf das, was auch immer kommen würde, und mit seinem wundersamen Schlaf vom roten Wein schloss er dann die Augen, um niemals wieder aufzuwachen. Die Wesenheit verstarb im, wie ihres bezeichnet, Monat April.
Sein Name war Armenus, Redner des Senats von Onai.

Ramtha.

Bearbeitet, 14.2.98  Andreas Kleindienst

 

Alle Ramtha Texte wurden durch seine Geistige Tochter mit dem irdischen Namen 
JZ. Knight von Ramtha während 10 Jahren persönlich empfangen.

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